Christian Prommer: Zwischen Kontrolle und Zufall
Mit „Rhythmique Nocturne“ blickt Christian Prommer auf zehn Jahre Berlin zurück – nicht als Chronik einer Stadt, sondern als musikalisches Stimmungsbild zwischen Jazz, Deep House, hypnotischen Grooves und elektronischen Klangexperimenten.

Mit „Rhythmique Nocturne“ blickt Christian Prommer auf zehn Jahre Berlin zurück – nicht als Chronik einer Stadt, sondern als musikalisches Stimmungsbild zwischen Jazz, Deep House, hypnotischen Grooves und elektronischen Klangexperimenten. Der Produzent, Schlagzeuger und Multiinstrumentalist verbindet dabei präzise Komposition mit Zufall: Atemgeräusche, Raumklänge oder ein zuschlagender Klavierdeckel werden Teil des Rhythmus und verleihen dem Album seine organische Tiefe. Im Interview spricht Prommer darüber, warum Kontrolle für ihn nur der Anfang eines kreativen Prozesses ist, weshalb ihn die Spannung zwischen Jazz und elektronischer Musik bis heute fasziniert und wie aus vielen nächtlichen Momenten ein Album wurde, das weniger einen Ort als vielmehr ein Gefühl einfängt. Zehn Jahre Berlin Du beschreibst „Rhythmique Nocturne“ als das Ergebnis von zehn Jahren Berlin. Gibt es einen Moment oder eine Nacht, in der dir klar wurde, dass dieses Album nicht einfach eine Sammlung von Tracks, sondern ein persönliches Porträt dieser Zeit werden würde? Es gab nicht den einen Moment, eher so eine Verdichtung der vielen Momente über die Jahre. Aber ich erinnere mich an eine Nacht im Studio letztes Jahr, relativ spät, vielleicht drei oder vier Uhr morgens, als ich mir ein paar Skizzen hintereinander angehört habe. Da war plötzlich dieses Gefühl: Das sind nicht einfach Tracks, das ist ein Zustand. Eine Stimmung, die sich durchzieht. Und ich habe gemerkt, dass da viel mehr drinsteckt, als ich ursprünglich geplant hatte. Das Album hat sich aus den vielen Ideen und Skizzen herausgeschält und gezeigt. Mehr als nur eine Polaroid eines Momentes, was Musik ja oft auch sein kann. Und Berlin hat sich da auch reingeschrieben – nicht als Ort, sondern als Gefühl. Kontrolle und Zufall Auf dem Album spielen Zufälle eine große Rolle – Atemgeräusche, Raumklänge oder sogar das Zuschlagen eines Klavierdeckels werden Teil der Musik. Wo endet für dich Kontrolle, und wo beginnt der Moment, in dem Musik ein Eigenleben entwickelt? Kontrolle ist für mich eigentlich nur der Anfangspunkt. Ich komme ja vom Schlagzeug, da geht es viel um Präzision und Timing, aber auch um Reaktion. Im Studio ist es ähnlich: Du setzt einen Rahmen, aber dann passieren Dinge. Ein Atemgeräusch, ein Nebengeräusch im Raum – das sind oft die Momente, die etwas lebendig machen. Wenn Musik anfängt, dich zu überraschen, dann solltest du nicht mehr eingreifen, sondern zuhören. Genau da beginnt dieses Eigenleben. Foto: Markus Werner Spannung zwischen Jazz und Elektronik Du bewegst dich seit Jahrzehnten zwischen Jazz und elektronischer Musik, zwei Welten mit sehr unterschiedlichen Traditionen. Hast du heute das Gefühl, dass diese Grenzen endgültig verschwunden sind – oder sind es gerade die Unterschiede, die deine Kreativität weiterhin antreiben? Ich glaube nicht, dass die Grenzen komplett verschwunden sind. Jazz und elektronische Musik haben immer noch unterschiedliche Denkweisen und Codes. Aber genau diese Reibung interessiert mich. Im Jazz geht es viel um Interaktion im Moment, in der elektronischen Musik oft um Konstruktion und Wiederholung. Wenn man beides ernst nimmt, entsteht etwas Drittes. Und das ist eigentlich der Raum, in dem ich mich bewege und den ich erforsche. Viele deiner Stücke wirken wie Klangräume, in denen Zeit eine andere Bedeutung bekommt. Was fasziniert dich mehr: ein Groove, der Menschen zum Tanzen bringt, oder ein Klang, der sie für einen Moment innehalten lässt? Das ist für mich kein Entweder-oder. Ein Groove kann dich ja auch in einen Zustand bringen, der fast meditativ ist. Und ein einzelner Klang kann eine enorme körperliche Wirkung haben. Aber wenn ich ehrlich bin: Mich interessiert zunehmend dieser Moment des Innehaltens, weil etwas ungewohnt oder komplett neu ist. Wenn Musik es schafft, uns kurz aus allem rauszuholen, dann ist das etwas sehr Starkes. Das kann im Club oder beim Konzert passieren. :::embed Spotify Embed: Rhythmique Nocturne https://open.spotify.com/embed/album/1XcOHGLP8ysq5KrvtRTywY?si=OkSA8LcJQXa0nWhBMBP89A&utm_source=oembed
::: Menschliche Unvollkommenheit und Algorithmen In einer Zeit, in der Algorithmen zunehmend Musik produzieren, heißt einer deiner Tracks ausgerechnet „Algorhythmic“. Ist das Stück eher eine Auseinandersetzung mit technologischen Möglichkeiten – oder ein Plädoyer dafür, dass menschliche Unvollkommenheit letztlich unersetzlich bleibt? „Algorhythmic“ ist für mich eher eine Beobachtung als ein Statement. Algorithmen können unglaublich präzise sein, sie können Muster erstellen und reproduzieren. Aber sie haben keine Geschichte, keine Stimmung, keine Intuition. Mich interessierten genau dieser kleine Spiel und der Bruch mit dem Algorithmus, dieses minimale „Daneben“. Das ist oft der Moment, in dem etwas menschlich wird. Ich habe bei diesem Stück das Fundament mit einem Algorithmus begonnen, der aus nur einer Note ganz viele Motive und Rhythmen erzeugt, die ich dann aufgenommen und dann damit improvisiert habe. Du hast mit Künstler:innen aus den unterschiedlichsten musikalischen Welten gearbeitet und bist gleichzeitig Schlagzeuger, Produzent und Komponist. Welche Rolle fühlt sich für dich heute am ehrlichsten an – und gibt es überhaupt noch eine Trennung zwischen diesen Identitäten? Ich habe nie zwischen diesen Rollen unterschieden. Für mich gehört das alles zusammen. Wenn ich Schlagzeug spiele, denke ich schon wie ein Produzent. Wenn ich produziere, höre ich wie ein Musiker. Vielleicht ist die ehrlichste Rolle einfach die des Zuhörenden, des Fans. Also jemand, der versucht, wahrzunehmen, was ein Stück braucht – und nicht, was man selbst unbedingt hineinbringen will. Wenn jemand „Rhythmique Nocturne“ nachts allein über Kopfhörer hört – fernab von Club oder Konzert –, was hoffst du, entdeckt diese Person über deine Musik oder vielleicht sogar über sich selbst? Ich hoffe, dass die Person die Zeit vergisst. Dass sie nicht mehr darüber nachdenkt, was als Nächstes kommt, sondern einfach in diesem Moment bleibt. Vielleicht entdeckt sie kleine Details, die erst beim genauen Hinhören auftauchen. Und vielleicht auch etwas Eigenes darin – eine Erinnerung, ein Gefühl, das gar nicht von mir kommt, sondern von ihr selbst. Wenn das passiert, dann hat die Musik ihren Zweck erfüllt. Im Interview spricht Prommer darüber, warum Kontrolle für ihn nur der Anfang eines kreativen Prozesses ist, weshalb ihn die Spannung zwischen Jazz und elektronischer Musik bis heute fasziniert und wie aus vielen nächtlichen Momenten ein Album wurde, das weniger einen Ort als vielmehr ein Gefühl einfängt. Ein Zustand und ein Gefühl Du beschreibst „Rhythmique Nocturne“ als das Ergebnis von zehn Jahren Berlin. Gibt es einen Moment oder eine Nacht, in der dir klar wurde, dass dieses Album nicht einfach eine Sammlung von Tracks, sondern ein persönliches Porträt dieser Zeit werden würde? Es gab nicht den einen Moment, eher so eine Verdichtung der vielen Momente über die Jahre. Aber ich erinnere mich an eine Nacht im Studio letztes Jahr, relativ spät, vielleicht drei oder vier Uhr morgens, als ich mir ein paar Skizzen hintereinander angehört habe. Da war plötzlich dieses Gefühl: Das sind nicht einfach Tracks, das ist ein Zustand. Eine Stimmung, die sich durchzieht. Und ich habe gemerkt, dass da viel mehr drinsteckt, als ich ursprünglich geplant hatte. Das Album hat sich aus den vielen Ideen und Skizzen herausgeschält und gezeigt. Mehr als nur eine Polaroid eines Momentes, was Musik ja oft auch sein kann. Und Berlin hat sich da auch reingeschrieben – nicht als Ort, sondern als Gefühl. Auf dem Album spielen Zufälle eine große Rolle – Atemgeräusche, Raumklänge oder sogar das Zuschlagen eines Klavierdeckels werden Teil der Musik. Wo endet für dich Kontrolle, und wo beginnt der Moment, in dem Musik ein Eigenleben entwickelt? Kontrolle ist für mich eigentlich nur der Anfangspunkt. Ich komme ja vom Schlagzeug, da geht es viel um Präzision und Timing, aber auch um Reaktion. Im Studio ist es ähnlich: Du setzt einen Rahmen, aber dann passieren Dinge. Ein Atemgeräusch, ein Nebengeräusch im Raum – das sind oft die Momente, die etwas lebendig machen. Wenn Musik anfängt, dich zu überraschen, dann solltest du nicht mehr eingreifen, sondern zuhören. Genau da beginnt dieses Eigenleben. Reibung zwischen den Welten Du bewegst dich seit Jahrzehnten zwischen Jazz und elektronischer Musik, zwei Welten mit sehr unterschiedlichen Traditionen. Hast du heute das Gefühl, dass diese Grenzen endgültig verschwunden sind – oder sind es gerade die Unterschiede, die deine Kreativität weiterhin antreiben? Ich glaube nicht, dass die Grenzen komplett verschwunden sind. Jazz und elektronische Musik haben immer noch unterschiedliche Denkweisen und Codes. Aber genau diese Reibung interessiert mich. Im Jazz geht es viel um Interaktion im Moment, in der elektronischen Musik oft um Konstruktion und Wiederholung. Wenn man beides ernst nimmt, entsteht etwas Drittes. Und das ist eigentlich der Raum, in dem ich mich bewege und den ich erforsche. Viele deiner Stücke wirken wie Klangräume, in denen Zeit eine andere Bedeutung bekommt. Was fasziniert dich mehr: ein Groove, der Menschen zum Tanzen bringt, oder ein Klang, der sie für einen Moment innehalten lässt? Das ist für mich kein Entweder-oder. Ein Groove kann dich ja auch in einen Zustand bringen, der fast meditativ ist. Und ein einzelner Klang kann eine enorme körperliche Wirkung haben. Aber wenn ich ehrlich bin: Mich interessiert zunehmend dieser Moment des Innehaltens, weil etwas ungewohnt oder komplett neu ist. Wenn Musik es schafft, uns kurz aus allem rauszuholen, dann ist das etwas sehr Starkes. Das kann im Club oder beim Konzert passieren. :::embed Spotify Embed: Rhythmique Nocturne https://open.spotify.com/embed/album/1XcOHGLP8ysq5KrvtRTywY?si=OkSA8LcJQXa0nWhBMBP89A&utm_source=oembed ::: Menschliche Unvollkommenheit In einer Zeit, in der Algorithmen zunehmend Musik produzieren, heißt einer deiner Tracks ausgerechnet „Algorhythmic“. Ist das Stück eher eine Auseinandersetzung mit technologischen Möglichkeiten – oder ein Plädoyer dafür, dass menschliche Unvollkommenheit letztlich unersetzlich bleibt? „Algorhythmic“ ist für mich eher eine Beobachtung als ein Statement. Algorithmen können unglaublich präzise sein, sie können Muster erstellen und reproduzieren. Aber sie haben keine Geschichte, keine Stimmung, keine Intuition. Mich interessierten genau dieser kleine Spiel und der Bruch mit dem Algorithmus, dieses minimale „Daneben“. Das ist oft der Moment, in dem etwas menschlich wird. Ich habe bei diesem Stück das Fundament mit einem Algorithmus begonnen, der aus nur einer Note ganz viele Motive und Rhythmen erzeugt, die ich dann aufgenommen und dann damit improvisiert habe. Du hast mit Künstler:innen aus den unterschiedlichsten musikalischen Welten gearbeitet und bist gleichzeitig Schlagzeuger, Produzent und Komponist. Welche Rolle fühlt sich für dich heute am ehrlichsten an – und gibt es überhaupt noch eine Trennung zwischen diesen Identitäten? Ich habe nie zwischen diesen Rollen unterschieden. Für mich gehört das alles zusammen. Wenn ich Schlagzeug spiele, denke ich schon wie ein Produzent. Wenn ich produziere, höre ich wie ein Musiker. Vielleicht ist die ehrlichste Rolle einfach die des Zuhörenden, des Fans. Also jemand, der versucht, wahrzunehmen, was ein Stück braucht – und nicht, was man selbst unbedingt hineinbringen will. Wenn jemand „Rhythmique Nocturne“ nachts allein über Kopfhörer hört – fernab von Club oder Konzert –, was hoffst du, entdeckt diese Person über deine Musik oder vielleicht sogar über sich selbst? Ich hoffe, dass die Person die Zeit vergisst. Dass sie nicht mehr darüber nachdenkt, was als Nächstes kommt, sondern einfach in diesem Moment bleibt. Vielleicht entdeckt sie kleine Details, die erst beim genauen Hinhören auftauchen. Und vielleicht auch etwas Eigenes darin – eine Erinnerung, ein Gefühl, das gar nicht von mir kommt, sondern von ihr selbst. Wenn das passiert, dann hat die Musik ihren Zweck erfüllt.
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